Es ist 6:30 früh morgens. Die Luft ist angenehm frisch, aber nicht kalt. Das Wetter unerwartet schön und sonnig.
Als wir gestern Nachmittag hier in Kiningi angekommen sind, hat es in Strömen geregnet. Das Regenwaldgebiet machte seinem Namen alle Ehre. Die Vulkankegel waren am Stumpf abgeschnitten und hinter weisser Watte versteckt. Die Welt wurde so klein um mich herum, dass in mir ein beklemmendes Gefühl aufkam. Der gesamte Boden war Morast, jeder Schritt erzeugte ein saugendes Geräusch. Die feuchte Kälte schlich die Knöchel hinauf, um sich dann den ganzen Abend an den Beinen fest zu krallen. Spontan entschliessen wir uns, für den nächsten Morgen am Berggorilla Trekking teil zu nehmen.
Wir sind früh dran, und hoffen auf Glück, einen Platz in einer Gruppe zu finden, die nicht vollständig belegt ist. Auf dem Vorplatz des Volcanoes National Parks herrscht wildes Treiben. Kaki-grün gekleidete Ranger stehen herum und weisen die vielen Touristen den Weg zur Registration, den Weg zu den verschiedenen Trekking Gruppen, den Weg zu den Ausrüstern, den Weg zu den WC’s und und und. Alles Gleichgesinnte, die wie wir voller Erwartung bereit sind die Hänge der Vulkane hochzuwandern, um eine Begegnung mit den Berggorillas für einen Atemzug zu erhaschen. Wir sehen sportliche Junge Menschen, Menschen in den 40zigern in Wanderausrüstung bis zu sehr alten Menschen am Stock gehend. Wir sehen top ausgerüstete Leute und solche die im Beachdress mit kurzem Rock und Shorts auftauchen. Wir wundern uns immer wieder, wie unbesorgt naiv Leute einen Berg hoch wandern möchten ohne geeignete Ausrüstung. Offenbar ist man sich hier einiges gewöhnt, weshalb ein schlaksiger businessorientierter junger Mann ein Ausrüstungsverleih eröffnet hat und rege Geschäfte zu machen scheint.
Wir werden einer Gruppe mit drei älteren amerikanischen Paaren zugewiesen. Unser Führer stellt sich als Sano vor. Er ist gross, kräftig, mit einem beträchtlichen Bauch und freundlichen Gesichtszügen.
Er informiert uns über den Nationalpark und dass es nicht sicher sei, dass wir also keine Garantie hätten, Berggorillas zu begegnen.
Auf schmalen Pfad rumpeln wir durch ein Dorf weiter dem Vulkan Gahinga entlang ostwärts. Sano fährt in unserem Auto mit. Er erzählt, er arbeite seit über 20 Jahren als Ranger. Er liebe seine Arbeit und werde sie so lange machen, bis er nicht mehr den Berg hochkomme. Ich frage, wie gross das Problem mit der Wilderei aktuell sei. Seine Antwort: «Ich habe ganz anfänglich als Ranger, ein einziges Mal ein Massaker von Wilderern erlebt. Ich sehe alles noch genau vor Augen. Wir sind gerufen geworden, weil Wilderer im Park entdeckt worden waren. Wir sind gelaufen, ja gerannt, aber wir kamen zu spät. Der Anblick sei furchtbar gewesen». Ich bin froh, dass Sano bei seiner Erzählung nicht ins Detail geht. Weiter sagt, da sei man tag täglich um die Gorillas, jedes Tier habe einen Namen. Er kenne sie alle und irgendwie sind sie wie Freunde und dann wird eine Familie oder ein Teil davon abgeschlachtet. Sano schüttelt traurig seinen Kopf. Aber, fährt er fröhlich fort, Wilderei gehöre der Geschichte an. Auch im Zaire und Uganda gibt es keine Wilderei mehr. Weiter erzählt Sano uns von seiner Familie und seinen zwei Kinder, die er liebevoll « little monkeys» nennt.
Der Weg endet am Hang, unmittelbar bei Feldern, wo Bauern Kartoffeln pflanzen und Mais gespritzt wird. Wir steigen aus. Jeder erhält einen Träger und einen Wanderstock mit einem geschnitzten Berggorilla als Knauf zugewiesen. Unser heisst Mahoro und hat eigentlich nichts zu tragen, da wir nur einen kleinen Rucksack mit Wasser dabeihaben.
Unser Trupp läuft bei wunderbarem Wetter los. Sano trägt ein Gewehr am Rücken, die Träger die Rucksäcke der anderen und Essenspakete der Lodges. Die Marschgeschwindigkeit gleicht einem Spaziergang. Unsere Mitstreiter haben Mühe, dem Weg querfeldein über Stock und Stein zu folgen. Die Träger haben alle Hände voll zu tun sie zu stützen, damit es voran geht.
Vor einer unendlich langen Steinmauer bleiben wir für eine Verschnaufpause stehen. Auf der anderen Seite der Mauer fängt der Nationalpark an, erklärt Sano. Die Grenze ist für mich offensichtlich und hätte keiner Erklärung bedurft. Die Narbe der Erde mit der kahlen bewirtschafteten Seite und der am Vulkan aufsteigende Hang des Regenwaldes. Die Naht gezogen vom Menschen, schütz die Natur mit all seinen Bewohnern vor dem Eindringen der Zivilisation.
Wir erhalten weitere Anweisung und einen Mundschutz, der die Berggorillas vor den menschlichen Infektionskrankheiten schützen soll. Das Berühren der Tiere unsererseits ist verboten. Keine schnellen Bewegungen, kein Blitz beim Fotografieren, keine Rufe oder laute Gespräche und die Anweisungen von Sano bedingungslos befolgen.
Von dem Augenblick, als ich über die Steinmauer in den Regenwald klettere, befinde ich mich in einer ganz anderen Welt, die der Farne, Moose und Bäume. Der Boden ist weich wie Honig. Bei jedem Schritt sinke ich in den Untergrund ein. Der Geruch nach Kräutern und Rinde beizt meine Nase.
Die Späher, vier Mann, stossen zu uns und zeigen nach vorne. Meine Sinne sind auf vollem Empfang. Zuerst höre ich die Berggorillas. Äste knacken im Dickicht. In einem Abstand von etwa fünf Metern bewegt sich der Busch. Ich sehe nichts. Schritt für Schritt, ganz langsam schreiten wir durch das meterhohe Farn. Und dann erspähe ich einige Berggorillas der zwanzigköpfigen Familie vor mir. Ich halte den Atem an, bin völlig überwältigt von diesem friedlichen Anblick. Ein Weibchen rechts von uns zupft Farn ab, um es sich gleich in den Mund zu schieben und zu mampfen. Zwei junge Gorillas toben verspielt in einem Nest aus Gräsern und Blättern herum. Ihr Fell ist tiefschwarz und hat einen seidenen Schimmer. Einer der beiden muss ein Junge sein. Er trommelt sich wieder und wieder auf sein kleines Brüstchen, wie sein grosser Bruder und Filmstar King Kong. Ein paar Schritte weiter liegt der imposante Silberrücken völlig entspannt wie in einem Liegestuhl auf seinem Rücken und frisst Blätter vom nahegelegenen Busch. Er beobachtet uns, gibt einen Grunzlaut von sich und wartet die Antwort von Sano ab, der zurück grunzt. Die Gorilla Gruppe hat uns längst gewittert, sind weder überrascht noch gestört von unserem Dasein. Ich stehe wie angewurzelt da, kann ihren animalischen Geruch riechen, kann ihre Gegenwart ungefiltert spüren und bin vom Anblick des Silberrückens gefesselt. Der Schädel ist unverhältnismässig gross und eckig. Sein Unterkiefer mächtig wie eine Schaufel, in der so viel ungebändigte Kraft steckt, die er beim Grünfutter gar nicht loslassen kann. Seine Augen liegen tief hinter den wulstigen Jochbeinen vergraben. Die platte Nase mit den trichterförmigen Löchern bewegen sich leicht, aber unaufhörlich. Der Kopf geht ohne sichtbaren Hals direkt in seine breiten muskulösen Schultern über. Sein Körper ist eher gedrungen und an seinem Fell sieht man Spuren seiner Jahre, seiner Kämpfe, die er gegen Rivalen und Angreifer geführt hatte. Sein Gemüt jetzt, von unendlicher Gelassenheit und Geduld. Lässig greift er mit seinen schwarzen dicken Fingern, die einer verkohlten Wurst gleichen, hier ein Blatt, dort einen saftigen Stängel und mampft friedlich vor sich hin. King Kong Junior turnt gleichzeitig auf ihm herum. Als es dem Koloss zu bunt wird mit dem verspielten Junior, steht die geballte Kraft auf und kommt auf mich zu. Sano weisst mich flüsternd sofort an auf den Boden zu schauen. Mir bleibt das Herz stehen, als der Silberrücken mein Hosenbein berührend hautnah an mir vorbei geht. Einen Herzschlag später, ich getraue mich wieder aufzuschauen, spielt ein Jungtier an Marcel Gurt herum, berührt seine Hand und entschwindet dann im Busch. Ein weiblicher Gorilla steigt behände einen Baum hinauf, um in dessen Blätterkrone nach Früchten zu suchen. Der ganze Baum wackelt und schwingt bei jeder ihrer Bewegung mit. Nach gut einer Stunde entschwindet die Berggorillafamilie den steilen Hang hinauf. Wir lassen sie ziehen und kehren um.
Der Kontakt mit diesen eindrücklichen Geschöpfen schwingt noch lange in mir nach. Unwirklich, fast wie in einem Traum taumle ich zurück in die Welt der Menschen. Wie unvergesslich dieser Moment bei unseren Vorfahren doch war! start customizing