Südafrika

Eine völlig übertriebene Werbung für Garten-Swimmingpools plärrt aus dem Autoradio. Von riesigen Plakaten lachen uns Gesichter an. Nervös blinkende Leuchtreklamen weisen schon von weitem auf ein Shopping-Center hin. Schreiende Töne und noch schreiendere Farben jagen an uns vorbei. Mit 140 Stundenkilometern fliegen wir in einem Taxi über Johannesburgs Autobahn. Krasse Gegensätze zu unserer bisherigen Reise schlagen uns vor den Kopf. Sind wir gerade noch in Kamerun gewesen, einem Land, das in der Entwicklung weit zurück liegt, in dem medizinische Hilfsprojekte immer noch Basisaufklärung betreiben und in dem Korruption zum alltäglichen Leben gehört, befinden wir uns jetzt in eine Metropole, die wir nicht in dieser Art in Afrika erwartet hatten.
Eine Metropole In Afrika
Wie in allen Grossstädten der Erde präsentiert sich auch «Jo' Burg» im Citybereich mit modernen Bürohochhäusern und tiefen Strassenschluchten dazwischen Fussgängerzonen, Einkaufspassagen und Shoppingpalästen. Wir sind gerade dabei, diese gesichtslose Stadt zu erkunden, als wir von einem ganz in Schwarz gekleideten Security angehalten werden: «Seid ihr Touristen?» fragt er uns. «Wohin wollt ihr?» Für jede Strasse ausserhalb des von ihnen überwachten Gebietes empfiehlt er uns, beim nahegelegenen Polizeiposten um Geleitschutz zu bitten. Etwas beunruhigt kommen uns die Warnungen einiger Leute vom Hotel in den Sinn, Schauergeschichten von schwarzen Gangs und Überfällen bei Tageslicht auf offener Strasse.
Angst der Weissen
Die Wohnviertel der Weissen, meist niedrige einstöckige Häuser mit hohen Hecken und Mauern, oft auch mit Stacheldraht, geben einen Eindruck von der Angst der weissen Stadtbevölkerung vor Gewalttaten. Kommerzielle Wachdienste schiessen wie Pilze aus dem Boden. Es gibt wohl kaum ein Haus, das nicht von einer Organisation bewacht wird. In dieser Stadt liegen die erste und die dritte Welt nur einen Zebrastreifen weit entfernt und berühren sich doch nicht.
Dann lernen wir Jabu kennen, einen älteren schwarzen Swazi (Mann aus dem Swaziland). Mit der Brille auf der Nase seiner einfachen, aber sauberen Bekleidung und einem tadellosen Englisch, gehört er ohne Zweifel zu den Intellektuellen. Er möchte uns Soweto zeigen, die Stadt der Schwarzen, den Alptraum aller weissen Südafrikaner. Kriminalität, Schiessereien, Mord und Totschlag werden genauso mit Soweto assoziiert wie Slums, Wellblechghettos, Abfall und Schmutz. Jabu liebt dieses Drei-Millionen-Township, deren Bevölkerung den Kampf gegen die Apartheit gewonnen hat. «Seid ihr Freunde oder Touristen?», fragt er, als wir uns in seinem Auto auf den Weg machen. Wir verstehen erst nicht, was er meint, bis er uns erklärt: «Touristen wollen nur makaberes Sightseeing aus dem sicheren Fahrzeug, keinesfalls aussteigen, aus Angst vor den Schwarzen! Freunde hingegen vertrauen mir und sind am Leben und Kontakt mit den Leuten interessiert. See the good, the bad, the ugly!» lautet seine Devise.
Im quirligen Treiben des Busbahnhofs gegenüber dem Baragwanath Spital, steigen wir zum ersten Mal aus. Entlang der Strasse liegen eng aneinandergedrängt höhlenartige, aus Plastikbahnen gefertigte Behausungen, deren Bewohner vor sich auf dem Trottoir alles mögliche feilbieten, von Früchten über gackernde Hühner bis zum Rasierwasser. Der Duft von faulendem Obst, Abgasen, Haarwasser und Kot steigt uns in die Nase. Wir schlendern durch das Gewirr und werden von offensichtlich erstaunten Augen verfolgt.
Eine Strassenüberführung bringt uns zum grössten Spital der Welt, dem Baragwanath Hospital. Hier werden alle Patienten, egal wie lange sie stationiert sind und wie schwerwiegend die Behandlungen sind, für nur einen Rand behandelt. Über 5000 Betten sind besetzt und alle fünf Minuten kommt ein Baby zur Welt. Auf der Weiterfahrt kommen wir an einem überfüllten staatlichen Fahrzeugpark in der Grösse eines Fussballfeldes, vorbei. Alles gestohlene Privatautos, die hier drei Monate gelagert und danach versteigert werden, falls sich der rechtmässige Besitzer nicht vorher meldet und das Fahrzeug abholt. Jabu erklärt uns die Philosophie der Sowetobewohner so: «Wer Arbeit hat, kann sich etwas kaufen, wer keine Arbeit hat, stiehlt sich, was er braucht, und nur wer zu faul ist zum Stehlen, der bettelt!»
Links von uns breitet sich nun eine riesige Wellblech-Siedlung aus, die Slums. Erstaunlich, wie hier alles saubergehalten wird. Die Gassen zwischen und vor den Wellblechbaracken sind alle gefegt, der Abfall wird auf einem Haufen verbrannt. Brunnen dienen zur Frischwasserversorgung und Toiletten wurden vom Roten Kreuz aufgestellt. Jabu kennt die Leute hier und plaudert kurz mit ihnen. Wir werden von Kindern um «Sweets» angebettelt, aber sonst unsagbar freundlich empfangen. Wir fragen uns, wie es wohl wäre, wenn wir ohne schwarze Begleitung hierher gekommen wären? Schliesslich sitzt der Schock der Apartheitsjahre immer noch tief. Die aufgestute Wut über die Unterdrückung prägt das Denken der Schwarzen so stark, dass ein Umdenken nicht von heute auf morgen möglich ist, sondern Generationen dauern wird. Die politische Unterdrückung ist zu Ende, was bleibt ist Armut.
Standardhäuser der Mittelschicht
Jabu führt uns nun in sein Wohnviertel, das der sogenannten Mittelschicht. Er besitzt eines der 150'000 vom Staat erbauten Standardhäuser mit zwei Schlafzimmern, einem Wohnraum und einer kleinen Küche. Wasserhahn und Toilettenhäuschen befinden sich ausserhalb des Hauses in einer Ecke des Grundstücks. Es kostete ihn 6000 Rand. Ein kleiner Garten liegt vor dem Haus, der vielerorts dazu benutzt wird, illegale Einwanderer in aufgestellten Wellblechhütten zu unverschämten Mietzinsen unterzubringen.
Erstaunt sehen wir ein paar Strassen weiter Nobelquartiere mit Villen, die nicht nach Soweto zu passen scheinen. Es soll auch bereits sechs Millionäre geben (die illegalen Drogenmillionäre nicht mitgerechnet)!
Schlafen in Schichten
In krassem Gegensatz dazu dann «die Hotels». Lange Holzbaracken, in denen bis aufs engste zusammengepfercht 18'000 Männer untergebracht sind. In Schichten muss geschlafen werden, da die Anzahl der Betten nicht ausreicht. Natürlich beschwören solche Lager Konflikte und Aggressivität herauf. Deshalb, so sagt uns Jabu, würde auch er hier nie anhalten. Nicht nur nachts kann es zu Schiessereien kommen. In einer improvisierten Galerie werden Fotos von den Schüleraufständen im Jahre 1976 gezeigt. Bilder, die uns wahnsinnig erschüttern, Bilder die uns beschämen, weiss zu sein, Bilder, die in die Geschichte dieser Stadt und Südafrikas eingegangen sind. Dem ersten schwarzen Jungen, der von weissen Polizisten erschossen wurde, hat man hier ein Denkmal errichtet. Er war zehn Jahre alt.