Äthiopien
Die Menschen haben unendlich Zeit


Ich verlasse Kartoum und somit auch die Wüste und die arabische Kultur. Schon nach 50 km breitet sich ein grüner Teppich vor mir aus. Wiesen und schwarzafrikanische Rundhütten säumen den Weg. Die Frauen sind in bunte Tücher gewickelt und die Kinder sind mit Stöcken bewaffnet hinter ihren Viehherden her. So ungemein abrupt und schonungslos scheint mir der Übergang von der Wüste zur grünen Vegetation. Wo ist nur der goldgelbe Sahel geblieben?

Der Grenzübertritt zwischen dem Sudan und Äthiopien dauert kaum eine Stunde und scheint rekordverdächtig schnell hinter mir zu liegen. Doch leider, so erklärt mir der Zöllner, haben sie hier keinen Stempel für das Carnet de Passage und ich soll in das nächste Dorf fahren, in dem alles erledigt werden kann. Ich bin schnell in Shedy, so heisst das Dorf, finde das Büro wo der wichtige Stempel sein soll und werde freundlich gebeten in zwei Stunden wieder zu kommen, da der zuständige „Officer“ gerade im Mittag ist. Geduldig gehe ich zur nahe liegenden Bar und schlage mir die Zeit um die Ohren. Pünktlich wie wir Schweizer nun einmal sind, stehe ich um 13 Uhr wieder vor dem Office. Der Mann ist leider noch nicht zurückgekehrt, aber in der nächsten halben Stunde kommt er bestimmt, versichert mir eine Angestellte. Ich setze mich gleich auf die Treppe im Gang, damit ich alles im Überblick habe. Die Zeit schleicht dahin. Um 14.30 Uhr erscheint der wichtige Mann und stempelt mein Carnet in 30 Sekunden. Genervt wegen der Warterei und der nun knappen Zeit bis Gondar brause ich los. Ist schon faszinierend, wie die Afrikaner die Zeiten sehen. In diesem Teil der Welt gibt es für die Zeit kein Mass, keinen Bezugspunkt keine Gestalt und kein Tempo. Die Zeit vergeht, verfliesst, ist schwierig zu fassen, in eine Form zu bringen. Irgendwann ist es Abend und wieder Morgen und ein Tag ist vorbei und der nächste kommt. Als Europäer nehme ich die Zeit ganz anders wahr, habe eine andere Einstellung ihr gegenüber. Als Diener der Zeit sind sogar meine Ferientage geplant. Die Europäer haben die Uhr, die Afrikaner haben Zeit!

Ich bin völlig hingerissen von Äthiopien, das vor allem mit Krieg, Dürre, Naturkatastrophen und hungerleidenden sterbenden Menschen assoziiert wird. Meine Augen hingegen saugen die gewaltige, weite Hochebene, die zahlreichen Schluchten und Täler ein. Da hier immer noch Regenzeit herrscht, schiessen am Boden dieser tiefen Abstürze tosende Flüsse dahin. Über dieser Hochebene ragen 3000 Meter hohe Berge empor, die aber in nichts an die Schweizer Alpen erinnern. Die Gipfel sind meist abgeflacht, eben und grün bis zur Spitze.

Auf einer Piste fahre ich dahin, um den nächsten Berg herum und in die nächste Schlucht und wieder hinauf. Es hat überall Dörfer und viele, viele Menschen. Wenn die Kinder, aus denen die halbe Bevölkerung besteht, mich als "Forenji" erkennen, schreien sie unaufhörlich: „You, you, you give me!" Sie fangen euphorisch an zu tanzen oder sie rennen dem Chüeli hinterher oder machen andere Kapriolen um Aufmerksamkeit zu wecken. Sie geraten in einen wahren Wirbel der Freude und Aufregung, bei älteren Jungendlichen artet es manchmal in Habgier aus, so dass ich extrem aufpassen muss, nicht versehentlich eines der Kleinen zu überfahren. 

Die untergehende orange Kugel der Sonne rollt gerade hinter den Horizont und verschwindet, sofort bricht die Nacht herein. Eine kühle Decke legt sich über das Land. Ich beginne nervös zu werden, denn ich vermeide es grundsätzlich, in der Nacht zu fahren. Es ist viel zu gefährlich bei dem, was sich hier alles auf der Strasse aufhält. Die Schweinwerfer des Mitsuchüeli schneiden tief in die Dunkelheit, in ihrem Schein tauchen Kühe und Ziegen die am Rande grasen und Menschen auf dem Weg nach irendwo auf. Endlich taucht aus dieser einförmigen schwarzen Masse eine helle Oase, eine Bude die schon aus der Ferne blinkt. Ein Laden, über dem Türme von Keksen, Kaffe oder Teepackungen, Zigaretten und Zündholzschachteln, Dosen und Seifen ragen. Beleuchtet vom Schein einer Petroleumfunzel der Kopf des Besitzers und Vorbote von der nahe liegenden Stadt Gondar.

Am nächsten Tag schon fahre ich weiter, auf chinesischem Super-Asphalt, nach Bahir Dahr. Ganz Afrika ist in Bewegung! Der Mann, der von Norden in den Süden wandert, ist ein anonymer Tropfen in diesen Strömen von Menschen. Alles bewegt sich gleichzeitig dahin: Fussgänger, Träger mit ihren Lasten auf dem Kopf oder in Handwagen, Kühe, Ziegen, Schafe, Esel die schwer tragen und oft schändlich geplagt aussehen und Fahrräder. Alles spielt sich auf der Strasse ab. Am Rand hinter dem offenen Rinnstein wickelt sich auf der ganzen Länge das häusliche Leben und das Geschäften ab. Frauen rösten Kaffeebohnen über Kohle, bereiten lokale Gerichte, handeln mit Früchten, Gemüse, Bier und Aspirin. Sie waschen Wäsche und diskutieren, tratschen und lachen.

Herrscher über diese äthiopischen Strassen, Wege und Pisten sind die Lastwagenfahrer. Schon von weitem höre ich das Klagelied vieler trauender Frauen. Eine Melodie tief und eindringlich, unvergesslich für meine Ohren. Ein umgekippter Lastwagen neben der Strasse, ein regungsloser Körper und viel Blut am Boden, das sich seinen Weg ins Nichts sucht. Ein Horrorszenario, von dem ich innig hoffe, verschont zu bleiben.

Ich erreiche mein Ziel Bahir Dahr, eine Kleinstadt durch und durch afrikanisch, wunderschön am Tanasee gelegen. Ein Ort an dem ich eine kurze Reisepause einlege um neue Energie zu tanken.
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