Kamerun
Während man im Westen via Internet weltweit kommuniziert und Herzplantationen zum Routine-Eingriff werden, tragen Mafa-Frauen ihre Babys in Tücher gewickelt auf dem Rücken, balancieren grosse Tonkrüge voll Wasser auf ihren Köpfen von den Brunnen in ihre Gehöfte. Wie schon vor hundert Jahren steht in jeder Küche ein schwarzer Topf über züngelndem Feuer, in dem jeden Tag Hirsebrei brodelt.
Säuberlich sind die Räume gefegt, einfach die Einrichtungen. Täglich arbeiten die Familienmitglieder hart auf den kunstvoll angelegten Terrassenfeldern, um aus dem kargen, steinigen Boden Hirse zu gewinnen. Ihre farbigen Tücher tragen sie gekonnt um die zierlich grazilen Körper gewunden. Aus Stoffetzen basteln sie Kopfbedeckungen, wie man sie sich kaum vorstellen kann. Stolz sind sie geblieben auf ihren Stamm. Sie können noch lachen, sind zufrieden mit dem, was sie haben.
Dämonenerzählungen
Es wird Abend, die Sonne berührt den westlichen Horizont und entzündet den Himmel in allerlei Rottönen. Aus gelber Mitte strahlen fiebrig rote Strahlen zu den äusseren Rändern der zarten Schleierwolken. Wir sitzen unter einem riesigen Affenbrotbaum im Mafadorf Djingliya in der unvergleichlichen Gebirgslandschaft der Mandaraberge Nordkameruns. Die Sares, Rundhüttendörfer die jeweils von einer Familie bewohnt werden und deren Grösse von der Anzahl der Frauen eines Mannes abhängt, kleben an den steilen Flanken der nahen Hänge, wie eine Rahmdekoration auf einer Vacherintorte.
Die Sonne sinkt und mit ihr schwindet das Licht. Grillen zirpen im Gras, Hunde kommunizieren bellend und heulend miteinander. In den Sares sitzen die Familien zusammen, es werden Neuigkeiten des vergangenen Tages ausgetauscht und diskutiert. Die Alten erzählen Geschichten, die sie von ihren eigenen Vätern gehört haben. Dämonenerzählungen machen ihre Runde und hinterlassen ängstliche Gesichter. Rhythmische, dumpfe Töne dringen in die Nacht. Es sind die Klänge eines Tam Tams. Sie werden stärker und von Rasseln unterstützt. Eine tiefe Männerstimme eröffnet den Gesang und die Strophen des Liedes, während viele Frauen mit ihren sehr hohen, aber sanften Stimmen den Refrain singen.
Die Gesänge kommen tief aus dem Herzen und pulsieren unerschütterlich stark, um Freude oder Leid Ausdruck zu verleihen. Die Seele dieser Menschen ist so unverfälscht afrikanisch, dass schwarze Magie und mystische Geisterbeschwörung einen festen Nährboden finden. Obwohl sich die Leute hier stolz zum Christentum bekennen, halten sie weiterhin an Polygamie, Krabbenzauber, Opferriten und Totenkult fest.
Beim Krabbenzauberer
Auch wir statten dem Krabbenzaubererder zusammen mit dem Dorfältesten, dem politischen und religiösen Oberhaupt, zu den vier wichtigsten Personen im Dorf zählt, einen Besuch ab.
Zerbrochene Tonkrüge, jede Menge Wurzeln und andere Utensilien liegen im Innenhof des Fetischpriesters. Ein alter Mann mit runzligem Gesicht, einem spärlich wachsenden leicht gräulichen Ziegenbärtchen und mit einer dunkelblauen Kutte begrüsst uns. Es ist der Krabbenzauberer. Er setzt sich auf den Boden und nimmt eine grosse Kalebassenschüssel, die mit Sand gefüllt ist. Am Rand stecken vier verschieden geformte Holzstückchen, symbolisch für Afrika, Europa, Kamerun und Djingliya. Darüber giesst er Wasser, so dass man kaum mehr den Sand sieht. Die Vorbereitungszeremonie wird mit gemurmelten Zaubersprüchen abgeschlossen. Der Fetischpriester wendet sich nun an uns und sagt bedächtig: «Was habt ihr für eine wichtige Frage?» «Ich möchte wissen, wie unsere Reise bis Uganda verlaufen wird, ob wir dieses Ziel je erreichen?» Er kramt in einem Topf und zieht ein Kalebassenteil hervor, das wir irgendwo auf die Sandfläche plazieren müssen. Weitere Stücke werden vom Zauberer selbst unter rituellen Sprüchen hineingesteckt. Mit seinen zittrigen Fingern legt er eine heilige, lebendige, kurz vorher angespuckte Süsswasserkrabbe ins Zentrum der Kalebasse und deckt diese ab. Nach einigen Minuten öffnet der Wahrsager die Schale wieder und entfernt das Tier.
Ob der Zauberer recht behalten wird?
Sein Gesicht legt sich in noch mehr Falten, seine Augen starren auf die von der Krabbe durcheinandergebrachten Teile und dabei gibt er mehrere lang andauernde «Mmhhh...» von sich. Er deutet jetzt aus der Lage der Stückchen die Antwort auf unsere Frage, warten wir auf seine Deutung. Plötzlich hebt er den Blick zu uns auf. Aus seinem ernsten Gesicht erscheint ein Lächeln und die zuvor strengen Gesichtszüge werden sanft. Wir wissen, dass dies ein gutes Zeichen ist und die Antwort positiv ausfallen wird. Er prophezeit uns, dass wir Uganda heil erreichen werden und auf der Strecke keine schwerwiegenden Probleme zu bewältigen sind. Er gibt uns einen Talisman in Form von je einem Stückchen Kohle und Kaktus mit. Wir müssen diese im Fahrzeug gut verstecken und vor erwarteten Problemen an unseren Körper nehmen, wodurch die magischen Kräfte gestärkt werden sollen. Bevor wir den Fetischpriester verlassen, erteilt er uns seinen Segen, indem er Schuhe und Hände mit dem Wasser der Kalebasse benetzt.
Danach erwartet er den Obolus für seine Dienste, was natürlich eine heikle Angelegenheit ist. Die Einheimischen bringen Naturalien wie Hühner oder Getreide mit, von uns erwartet er hingegen Geld.
Säuberlich sind die Räume gefegt, einfach die Einrichtungen. Täglich arbeiten die Familienmitglieder hart auf den kunstvoll angelegten Terrassenfeldern, um aus dem kargen, steinigen Boden Hirse zu gewinnen. Ihre farbigen Tücher tragen sie gekonnt um die zierlich grazilen Körper gewunden. Aus Stoffetzen basteln sie Kopfbedeckungen, wie man sie sich kaum vorstellen kann. Stolz sind sie geblieben auf ihren Stamm. Sie können noch lachen, sind zufrieden mit dem, was sie haben.
Dämonenerzählungen
Es wird Abend, die Sonne berührt den westlichen Horizont und entzündet den Himmel in allerlei Rottönen. Aus gelber Mitte strahlen fiebrig rote Strahlen zu den äusseren Rändern der zarten Schleierwolken. Wir sitzen unter einem riesigen Affenbrotbaum im Mafadorf Djingliya in der unvergleichlichen Gebirgslandschaft der Mandaraberge Nordkameruns. Die Sares, Rundhüttendörfer die jeweils von einer Familie bewohnt werden und deren Grösse von der Anzahl der Frauen eines Mannes abhängt, kleben an den steilen Flanken der nahen Hänge, wie eine Rahmdekoration auf einer Vacherintorte.
Die Sonne sinkt und mit ihr schwindet das Licht. Grillen zirpen im Gras, Hunde kommunizieren bellend und heulend miteinander. In den Sares sitzen die Familien zusammen, es werden Neuigkeiten des vergangenen Tages ausgetauscht und diskutiert. Die Alten erzählen Geschichten, die sie von ihren eigenen Vätern gehört haben. Dämonenerzählungen machen ihre Runde und hinterlassen ängstliche Gesichter. Rhythmische, dumpfe Töne dringen in die Nacht. Es sind die Klänge eines Tam Tams. Sie werden stärker und von Rasseln unterstützt. Eine tiefe Männerstimme eröffnet den Gesang und die Strophen des Liedes, während viele Frauen mit ihren sehr hohen, aber sanften Stimmen den Refrain singen.
Die Gesänge kommen tief aus dem Herzen und pulsieren unerschütterlich stark, um Freude oder Leid Ausdruck zu verleihen. Die Seele dieser Menschen ist so unverfälscht afrikanisch, dass schwarze Magie und mystische Geisterbeschwörung einen festen Nährboden finden. Obwohl sich die Leute hier stolz zum Christentum bekennen, halten sie weiterhin an Polygamie, Krabbenzauber, Opferriten und Totenkult fest.
Beim Krabbenzauberer
Auch wir statten dem Krabbenzaubererder zusammen mit dem Dorfältesten, dem politischen und religiösen Oberhaupt, zu den vier wichtigsten Personen im Dorf zählt, einen Besuch ab.
Zerbrochene Tonkrüge, jede Menge Wurzeln und andere Utensilien liegen im Innenhof des Fetischpriesters. Ein alter Mann mit runzligem Gesicht, einem spärlich wachsenden leicht gräulichen Ziegenbärtchen und mit einer dunkelblauen Kutte begrüsst uns. Es ist der Krabbenzauberer. Er setzt sich auf den Boden und nimmt eine grosse Kalebassenschüssel, die mit Sand gefüllt ist. Am Rand stecken vier verschieden geformte Holzstückchen, symbolisch für Afrika, Europa, Kamerun und Djingliya. Darüber giesst er Wasser, so dass man kaum mehr den Sand sieht. Die Vorbereitungszeremonie wird mit gemurmelten Zaubersprüchen abgeschlossen. Der Fetischpriester wendet sich nun an uns und sagt bedächtig: «Was habt ihr für eine wichtige Frage?» «Ich möchte wissen, wie unsere Reise bis Uganda verlaufen wird, ob wir dieses Ziel je erreichen?» Er kramt in einem Topf und zieht ein Kalebassenteil hervor, das wir irgendwo auf die Sandfläche plazieren müssen. Weitere Stücke werden vom Zauberer selbst unter rituellen Sprüchen hineingesteckt. Mit seinen zittrigen Fingern legt er eine heilige, lebendige, kurz vorher angespuckte Süsswasserkrabbe ins Zentrum der Kalebasse und deckt diese ab. Nach einigen Minuten öffnet der Wahrsager die Schale wieder und entfernt das Tier.
Ob der Zauberer recht behalten wird?
Sein Gesicht legt sich in noch mehr Falten, seine Augen starren auf die von der Krabbe durcheinandergebrachten Teile und dabei gibt er mehrere lang andauernde «Mmhhh...» von sich. Er deutet jetzt aus der Lage der Stückchen die Antwort auf unsere Frage, warten wir auf seine Deutung. Plötzlich hebt er den Blick zu uns auf. Aus seinem ernsten Gesicht erscheint ein Lächeln und die zuvor strengen Gesichtszüge werden sanft. Wir wissen, dass dies ein gutes Zeichen ist und die Antwort positiv ausfallen wird. Er prophezeit uns, dass wir Uganda heil erreichen werden und auf der Strecke keine schwerwiegenden Probleme zu bewältigen sind. Er gibt uns einen Talisman in Form von je einem Stückchen Kohle und Kaktus mit. Wir müssen diese im Fahrzeug gut verstecken und vor erwarteten Problemen an unseren Körper nehmen, wodurch die magischen Kräfte gestärkt werden sollen. Bevor wir den Fetischpriester verlassen, erteilt er uns seinen Segen, indem er Schuhe und Hände mit dem Wasser der Kalebasse benetzt.
Danach erwartet er den Obolus für seine Dienste, was natürlich eine heikle Angelegenheit ist. Die Einheimischen bringen Naturalien wie Hühner oder Getreide mit, von uns erwartet er hingegen Geld.
Pygmäen: das verlorene Volk
Langsam fliesst eine zähe, einheitlich dunkelgrün wabernde Masse an uns vorbei. Schwer liegt die Hitze über dem Regenwald, fast greifbar ist die drückende Schwüle. Der Lobe-Fluss bildet die Hauptschlagader des Lebens hier. Er wird als Strasse für die vielen Pirogen (Einbäume) benutzt und ist wichtig als Nahrungslieferant, da er viele Fische und Crevetten mit sich führt. Am Ufer plantschen nackte Kinder, Erwachsene stehen ganz eingeseift, in weissen Schaum gehüllt, hinter den Büschen versteckt. Frauen reinigen unter viel Geschwafel ihre Kleider. Etwas weiter werden weitere dringende Geschäftchen erledigt. Rechts und links des Gewässers der Dschungel, eine grüne Wand, die sich wie eine riesige Gefängnismauer dem Himmel entgegen schiebt. Jede Pflanze kämpft um das spärliche Tages licht, strebt nach oben. Überall hängen riesige grüne Farne.
Unterwegs zu den Pygmäen
Krampfhaft halten wir uns an den dünnen, glitschigen Wänden einer Piroge fest, bedacht, sich kaum zu rühren, um das Einbaumboot nicht in eine gefährliche Schräglage zu bringen oder gar zu kentern. Ein junger Bantu sitzt hinten am Heck auf dem äussersten Rand und rudert Yvonne Frei und Hund Mex geschickt mit einem Paddel zum anderen Ufer, um danach Marcel und einen neu gewonnenen Freund, einen Fischer, vom Dorf zu holen. Ein schmaler Trampelpfad führt durch den Dschungel zu einer Pygmäensiedlung, einer Lichtung mit ein paar rechteckigen Bauten. Ein kompliziertes Bambusgerüst bildet die Grundkonstruktion der Häuser. Die gitterförmigen Wände werden zum Teil mit einer Erd-Lehmmischung eingekleidet, an speziellen Stellen, zum Beispiel der Türe, zum Luftdurchlass aber offen gelassen. Das Dach besteht aus geflochtenen Blättermatten, die übereinander geschichtet sind. Zuerst müssen wir den Sippenchef begrüssen. Ein kleiner runzeliger Mann, kaum grösser als ein Meter vierzig. Statt eines traditionellen Lendenschurzes trägt er ein zerrissenes schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift «Mad Boy» und einer hässlichen gefährlichen Fratze, dazu heruntergekommene Shorts. Langsam kommen Kinder, frauen und Männer des kleinwüchsigen Zwergvolkes aus den Hütten geschlichen, um dem Geschehen beizuwohnen. Sie kennen den weissen Mann und sie kennen den weissen Mann und das was er mitbringt, schon längst. Vor seinem Fangnetz kauernd, fragt uns der Chef, was wir für Geschneke mitbringen. Marcel überreicht Seifen, Kekse, Stifte und Spielzeugautos. Alles auf seinem Netz ausgebreiet, lässt er ihm übermitteln, dass es nicht genug sei. Zigaretten und Tabak war gefragt, und falls wir an einem Tanz interessiert seien, müsse dieser mit viel Schnaps begünstigt wer-den. Die Pygmäen schauen mit leeren Blick zu uns und unseren Rucksäcken, hoffen auf die flüssige Droge, der sie verfallen sind.
Von der Lepra entstellt
Ein Mann kommt auf Marcel zu, nur mit einer alten, kurzen Hose bekleidet. An seinen Händen sind nur noch Stümpfe anstatt Finger. Das Gesicht ist entstellt durch die von der Lepra befallene und zurückgebildete Nase. Er bettelt Marcel um Zigarretten an, die wir nicht haben. Freundlich lächeln wir den Kranken an, sind darauf bedacht, den Leprösen wegen seines Aussehens nicht zu meiden. Erst jetzt sehen wir, dass er nicht der einzige mit diesem Leiden ist.
Abhängig von der Zivilisation
Etwas abseits des Geschehens neben einer Hütte sitzt eine barbrüstige, uralt aussehende Frau. Apathisch hockt sie auf dem Boden. Mit stumpfem Blick zermahlt sie auf traditionelle Weise Maniok auf einer Steinplatte. Ihre Brüste, die wie Lederlappen aussehen, reichen bis zum hervorstehenden Bauchnabel. Ihr Kopf ist kahl rasiert und zahnlos, die Haut tief zerfurcht wie eine alte Holzmaske. In ihrem Gesicht steht ihr ganzes Leben geschrieben, gezeichnet vom feindlichen Lebensraum der „grünen Hölle“ und der jetzigen Lebenssituation am Rande der Zivilisation, in Abhängigkeit vom Bantustamm, der sie an Touristen verkauft. Die guten Zeiten, als sie noch mit ihrerSippe im Dschungel umherzog, sind schon lange vorbei. Damals gingen die Frauen jeden Tag Blätter, Gemüse, Knollen und Früchte sammeln, während die Männer auf der Jagd waren.
Der Lebensraum wird abgeholzt
Sie bauten ihre Rundhütten und fertigten die Jagdwaffen, wie Speere, Armbrust und Machete, selber. Sie hatten einen tief verwurzelten animistischen Glauben. Jetzt sind sie ihrem Schicksal ergeben. Ihrer Seele beraubt, vegetieren sie in Abhängigkeit von der Zivilisation völlig teilnahmslos dahin. Fassungslos traurig macht uns dieser Anblick. Beschämt, Weisse zu sein, und damit an der Ausrottung dieser Menschen mitbeteiligt, wenden wir uns ab und machen uns auf den Rückweg; Die Pygmäen sterben mit dem Wald. Zuviel hat man ihnen weggenommen, zu rasch wird ihr Lebensraum, der Urwald, abgeholzt. Sie werden diesen Kampf ums Überleben verlieren.
Unterwegs zu den Pygmäen
Krampfhaft halten wir uns an den dünnen, glitschigen Wänden einer Piroge fest, bedacht, sich kaum zu rühren, um das Einbaumboot nicht in eine gefährliche Schräglage zu bringen oder gar zu kentern. Ein junger Bantu sitzt hinten am Heck auf dem äussersten Rand und rudert Yvonne Frei und Hund Mex geschickt mit einem Paddel zum anderen Ufer, um danach Marcel und einen neu gewonnenen Freund, einen Fischer, vom Dorf zu holen. Ein schmaler Trampelpfad führt durch den Dschungel zu einer Pygmäensiedlung, einer Lichtung mit ein paar rechteckigen Bauten. Ein kompliziertes Bambusgerüst bildet die Grundkonstruktion der Häuser. Die gitterförmigen Wände werden zum Teil mit einer Erd-Lehmmischung eingekleidet, an speziellen Stellen, zum Beispiel der Türe, zum Luftdurchlass aber offen gelassen. Das Dach besteht aus geflochtenen Blättermatten, die übereinander geschichtet sind. Zuerst müssen wir den Sippenchef begrüssen. Ein kleiner runzeliger Mann, kaum grösser als ein Meter vierzig. Statt eines traditionellen Lendenschurzes trägt er ein zerrissenes schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift «Mad Boy» und einer hässlichen gefährlichen Fratze, dazu heruntergekommene Shorts. Langsam kommen Kinder, frauen und Männer des kleinwüchsigen Zwergvolkes aus den Hütten geschlichen, um dem Geschehen beizuwohnen. Sie kennen den weissen Mann und sie kennen den weissen Mann und das was er mitbringt, schon längst. Vor seinem Fangnetz kauernd, fragt uns der Chef, was wir für Geschneke mitbringen. Marcel überreicht Seifen, Kekse, Stifte und Spielzeugautos. Alles auf seinem Netz ausgebreiet, lässt er ihm übermitteln, dass es nicht genug sei. Zigaretten und Tabak war gefragt, und falls wir an einem Tanz interessiert seien, müsse dieser mit viel Schnaps begünstigt wer-den. Die Pygmäen schauen mit leeren Blick zu uns und unseren Rucksäcken, hoffen auf die flüssige Droge, der sie verfallen sind.
Von der Lepra entstellt
Ein Mann kommt auf Marcel zu, nur mit einer alten, kurzen Hose bekleidet. An seinen Händen sind nur noch Stümpfe anstatt Finger. Das Gesicht ist entstellt durch die von der Lepra befallene und zurückgebildete Nase. Er bettelt Marcel um Zigarretten an, die wir nicht haben. Freundlich lächeln wir den Kranken an, sind darauf bedacht, den Leprösen wegen seines Aussehens nicht zu meiden. Erst jetzt sehen wir, dass er nicht der einzige mit diesem Leiden ist.
Abhängig von der Zivilisation
Etwas abseits des Geschehens neben einer Hütte sitzt eine barbrüstige, uralt aussehende Frau. Apathisch hockt sie auf dem Boden. Mit stumpfem Blick zermahlt sie auf traditionelle Weise Maniok auf einer Steinplatte. Ihre Brüste, die wie Lederlappen aussehen, reichen bis zum hervorstehenden Bauchnabel. Ihr Kopf ist kahl rasiert und zahnlos, die Haut tief zerfurcht wie eine alte Holzmaske. In ihrem Gesicht steht ihr ganzes Leben geschrieben, gezeichnet vom feindlichen Lebensraum der „grünen Hölle“ und der jetzigen Lebenssituation am Rande der Zivilisation, in Abhängigkeit vom Bantustamm, der sie an Touristen verkauft. Die guten Zeiten, als sie noch mit ihrerSippe im Dschungel umherzog, sind schon lange vorbei. Damals gingen die Frauen jeden Tag Blätter, Gemüse, Knollen und Früchte sammeln, während die Männer auf der Jagd waren.
Der Lebensraum wird abgeholzt
Sie bauten ihre Rundhütten und fertigten die Jagdwaffen, wie Speere, Armbrust und Machete, selber. Sie hatten einen tief verwurzelten animistischen Glauben. Jetzt sind sie ihrem Schicksal ergeben. Ihrer Seele beraubt, vegetieren sie in Abhängigkeit von der Zivilisation völlig teilnahmslos dahin. Fassungslos traurig macht uns dieser Anblick. Beschämt, Weisse zu sein, und damit an der Ausrottung dieser Menschen mitbeteiligt, wenden wir uns ab und machen uns auf den Rückweg; Die Pygmäen sterben mit dem Wald. Zuviel hat man ihnen weggenommen, zu rasch wird ihr Lebensraum, der Urwald, abgeholzt. Sie werden diesen Kampf ums Überleben verlieren.
Eine wunderbare Begegnung
Eine Krabbe zappelt, ihre Scheren schnappen wiederholt zu. Doch Richard weiss, wie er das Krustentier halten muss, ohne dass es ihn verletzen kann. Einige Maschen des Fischernetzes zerreissen am Panzer und zwischen den Scheren, bevor das Geschöpf in den Piastik-Tragekorb gelegt werden kann, wo seine letzte Stunde bald schlagen wird.
Leckerbissen Wasserschnecke
Ich sitze mit dem neunundvierzigjährigen schwarzen Fischer in seiner Piroge, ein paar hundert Meter draussen vor der der Küste Kribis, im Süden Kameruns. Stück um Stück holen wir zusammen das etwa ein Meter hohe Netz ein, dessen unteres Halteseil mit Steinen beschwert ist, während am oberen Rand kleine Schwimmer für Auftrieb sorgen. Nachdem die ganze Netzlänge von etwa zwanzig Metern im Einbaum liegt, sind zur Krabbe zwei Kapitänsfische, etliche Bar und ein kleiner Thunfisch hinzugekommen. Ganz am Ende, auf dem grossen Stein, der das Netz auf dem Meeresgrund fixiert hatte, klebt eine fette Wasserschnecke. An Richards Augen kann ich ablesen, dass dies eine Delikatesse ist, auf deren Verzehr er sich jetzt schon freut. Heute Abend ist der Fang sehr befriedigend ausgefallen, das ist aber nicht immer so. Ganz generell meint mein Freund, es sei hier nicht mehr viel zu holen, seit auch an dieser Stelle des Atlantiks Plattformen und Öltanker die gerade Linie des Horizontes unterbrechen. Profit bringt das flüssige Gold, Devisen sind der kamerunischen Regierung wichtiger als das Wohl der Küstenbewohner.
Kein Geld für ein neues Netz
«Mindestens einen Aussenbordmotor müsste man sich leisten können, um weit draussen grosse Fische zu fangen, die man zum Beispiel den Hotels verkaufen könnte.» Richard hat aber nicht mal Geld für ein neues Netz, so muss er weiterhin mit dem zerschlissenen zurechtkommen. Die Sonne berührt inzwischen den Horizont und Richard bewegt die Piroge mit kräftigen Paddelzügen zurück zum Strand. Auf seiner schweissnassen Haut spiegelt sich das gelbe Licht der letzten Strahlen, während man darunter die kräftigen Muskeln spielen sieht. Am Ufer warten unsere Frauen und Richards zwei kleine Kinder gespannt, was wir mitbringen. Als wir anlegen, kommt der dreijährige Heracles sofort aufs Boot zu, um dem Vater zu helfen. Ob er später selber Fischer werden wird? Wir sind zum Essen eingeladen. Die zweiundzwanzigjährige Marie grilliert für uns die frischen Fische. Dazu serviert sie fritierte Stücke einer Knollenfrucht, die sie aus ihrem Garten geholt hat. Nur selten, wenn Marie und Richard ein paar Fische verkaufen können, gibt's mal Teigwaren mit Tomatenpüree. Dann essen sie «comme les blancs», wie Richard es zu nennen pflegt. Ganz zufrieden scheinen die beiden idyllisch wirkt ihr einfaches Leben. Viel Zeit haben sie für ihre Kinder.
Doch die Idylle trügt! Richards Leben ist ein Kampf. Er muss froh sein, wenn er genügend Fische fängt, um seine Familie zu ernähren. Doch es war nicht immer so. Während wir beim Scheineiner nackten Glühbirne auf der Veranda des kleinen Holzhauses sitzen, zeigt uns Richard alte Fotos und erzählt uns sein Leben: Er hatte die Chance, eine Schule zu besuchen und fand später in einer deutschen Firma Arbeit. Er wurde zum Tiefbauzeichner ausgebildet und half mit, Plantagen und Strassen zu entwerfen. Damals hatte er auch eine Villa in Yaounde,der Hauptstadt. Doch die Firma ging pleite und Richard wurde arbeitslos. Bald hatte der gebildete Mann eine neue Anstellung gefunden. Der erste Zahltag kam verspätet, der zweite wurde nicht vollständig ausbezahlt und von den weiteren sah er nie etwas.
Von der Frau verlassen
Er gab die Arbeit auf, doch «stempeln» kennt man hier nicht. Als er keine Existenz mehr hatte in Yaounde, musste er das Angebot seines Vaters annehmen und Haus und Piroge in Kribi übernehmen, er wurde Fischer. Aber nicht nur den Wohlstand liess er in der Stadt zurück, sondern auch sein Ansehen. Seine damalige Frau wollte nichts vom Leben an der Küste wissen. Sie fand einen angesehenen, wohlhabenden Mann und verliess Richard. Die fünf Kinder aus erster Ehe hat er seither nie mehr gesehen. Dies ist in Schwarzafrika nicht unüblich und inzwischen hat er ja auch wieder eine neue Familie gründen können. Was ihn aber fast mehr zu bedrücken scheint, ist, dass er kein Geld mehr hat für sein Hobby, das Malen.
Unfertige Gemälde
Er zeigt uns unvollendete Gemälde mit biblischen Szenen. Die Rückseiten grossformatiger Kalender benutzte er als Leinwand. Es fehlen ihm Farben um fortzufahren. Yvonne und ich schauen uns an, wir wissen nun, was wir ihm auf nächste Weihnachten aus der Schweiz senden werden. Trotzdem wir ihm unendlich reich erscheinen müssen, hat sich weder Richard noch seine Frau je materielle Vorteile von unserer Freundschaft erhofft, wie wir es leider oft bei anderen Bekanntschaften erlebt haben.
Leckerbissen Wasserschnecke
Ich sitze mit dem neunundvierzigjährigen schwarzen Fischer in seiner Piroge, ein paar hundert Meter draussen vor der der Küste Kribis, im Süden Kameruns. Stück um Stück holen wir zusammen das etwa ein Meter hohe Netz ein, dessen unteres Halteseil mit Steinen beschwert ist, während am oberen Rand kleine Schwimmer für Auftrieb sorgen. Nachdem die ganze Netzlänge von etwa zwanzig Metern im Einbaum liegt, sind zur Krabbe zwei Kapitänsfische, etliche Bar und ein kleiner Thunfisch hinzugekommen. Ganz am Ende, auf dem grossen Stein, der das Netz auf dem Meeresgrund fixiert hatte, klebt eine fette Wasserschnecke. An Richards Augen kann ich ablesen, dass dies eine Delikatesse ist, auf deren Verzehr er sich jetzt schon freut. Heute Abend ist der Fang sehr befriedigend ausgefallen, das ist aber nicht immer so. Ganz generell meint mein Freund, es sei hier nicht mehr viel zu holen, seit auch an dieser Stelle des Atlantiks Plattformen und Öltanker die gerade Linie des Horizontes unterbrechen. Profit bringt das flüssige Gold, Devisen sind der kamerunischen Regierung wichtiger als das Wohl der Küstenbewohner.
Kein Geld für ein neues Netz
«Mindestens einen Aussenbordmotor müsste man sich leisten können, um weit draussen grosse Fische zu fangen, die man zum Beispiel den Hotels verkaufen könnte.» Richard hat aber nicht mal Geld für ein neues Netz, so muss er weiterhin mit dem zerschlissenen zurechtkommen. Die Sonne berührt inzwischen den Horizont und Richard bewegt die Piroge mit kräftigen Paddelzügen zurück zum Strand. Auf seiner schweissnassen Haut spiegelt sich das gelbe Licht der letzten Strahlen, während man darunter die kräftigen Muskeln spielen sieht. Am Ufer warten unsere Frauen und Richards zwei kleine Kinder gespannt, was wir mitbringen. Als wir anlegen, kommt der dreijährige Heracles sofort aufs Boot zu, um dem Vater zu helfen. Ob er später selber Fischer werden wird? Wir sind zum Essen eingeladen. Die zweiundzwanzigjährige Marie grilliert für uns die frischen Fische. Dazu serviert sie fritierte Stücke einer Knollenfrucht, die sie aus ihrem Garten geholt hat. Nur selten, wenn Marie und Richard ein paar Fische verkaufen können, gibt's mal Teigwaren mit Tomatenpüree. Dann essen sie «comme les blancs», wie Richard es zu nennen pflegt. Ganz zufrieden scheinen die beiden idyllisch wirkt ihr einfaches Leben. Viel Zeit haben sie für ihre Kinder.
Doch die Idylle trügt! Richards Leben ist ein Kampf. Er muss froh sein, wenn er genügend Fische fängt, um seine Familie zu ernähren. Doch es war nicht immer so. Während wir beim Scheineiner nackten Glühbirne auf der Veranda des kleinen Holzhauses sitzen, zeigt uns Richard alte Fotos und erzählt uns sein Leben: Er hatte die Chance, eine Schule zu besuchen und fand später in einer deutschen Firma Arbeit. Er wurde zum Tiefbauzeichner ausgebildet und half mit, Plantagen und Strassen zu entwerfen. Damals hatte er auch eine Villa in Yaounde,der Hauptstadt. Doch die Firma ging pleite und Richard wurde arbeitslos. Bald hatte der gebildete Mann eine neue Anstellung gefunden. Der erste Zahltag kam verspätet, der zweite wurde nicht vollständig ausbezahlt und von den weiteren sah er nie etwas.
Von der Frau verlassen
Er gab die Arbeit auf, doch «stempeln» kennt man hier nicht. Als er keine Existenz mehr hatte in Yaounde, musste er das Angebot seines Vaters annehmen und Haus und Piroge in Kribi übernehmen, er wurde Fischer. Aber nicht nur den Wohlstand liess er in der Stadt zurück, sondern auch sein Ansehen. Seine damalige Frau wollte nichts vom Leben an der Küste wissen. Sie fand einen angesehenen, wohlhabenden Mann und verliess Richard. Die fünf Kinder aus erster Ehe hat er seither nie mehr gesehen. Dies ist in Schwarzafrika nicht unüblich und inzwischen hat er ja auch wieder eine neue Familie gründen können. Was ihn aber fast mehr zu bedrücken scheint, ist, dass er kein Geld mehr hat für sein Hobby, das Malen.
Unfertige Gemälde
Er zeigt uns unvollendete Gemälde mit biblischen Szenen. Die Rückseiten grossformatiger Kalender benutzte er als Leinwand. Es fehlen ihm Farben um fortzufahren. Yvonne und ich schauen uns an, wir wissen nun, was wir ihm auf nächste Weihnachten aus der Schweiz senden werden. Trotzdem wir ihm unendlich reich erscheinen müssen, hat sich weder Richard noch seine Frau je materielle Vorteile von unserer Freundschaft erhofft, wie wir es leider oft bei anderen Bekanntschaften erlebt haben.