Botswana
Kalahari
Mit einem Glas Rotwein in der Hand sitzen wir vor unserem „Frodofant“ (Ford Ranger, den wir als unser Reisefahrzeug ausgerüstet haben), schauen in die Weite der Kalahari und lassen uns berauschen von der untergehenden Sonne und der Stille. Draussen in den Salzpfannen, welche mit trockenen, goldgelben Gräsern bewachsen sind, äsen Impalas, Oryx und Schakale. Webervögel flattern geschäftig über unsere Köpfe und machen sich offenbar für die Nacht bereit.
Lange kommt es uns jetzt vor, seit wir im Süden in die Kalahari hineinfuhren.
Überwältigt waren wir in den ersten Tagen von der Einsamkeit und der Stille. Nur Tiere waren zu hören. Unser Geist kam aus einer lärmverschmutzen Welt und unsere Köpfe mussten sich zuerst leeren, bevor wir wieder hören konnten. Am ersten Abend, als wir bedeutungslos und klein, ganz alleine in der unendlichen Weite der Kalahari, in einer flachen Pan unser Nachtlager aufschlugen, glaubten wir ein Rauschen in unseren Ohren zu vernehmen. Wir brauchten Zeit um uns an die Stille zu gewöhnen.
Mit der untergehenden Sonne kam die Kühle und mit ihr die Geräusche der Nacht. Die Sterne erschienen nach und nach und ein unvergessliches Sternenzelt spannte sich über uns, ein Sternenzelt wie es nur die Wüste zaubern kann. Unsere Welt wurde so klein wie der Lichtkegel unserer Taschenlampe. Was dahinter geschah konnten wir nur anhand der Geräusche erahnen. Unerwartet nahe hörten wir plötzlich das dumpfe Brüllen eines Löwen. Zeit für mich ins Dachzelt hinauf zu steigen!
Wir fuhren durch sandige Pisten von Pan zu Pan, konnten im Morgenlicht eine grosse Giraffenfamilie beobachten und sahen verschiedene Antilopen, Perlhühner und Gnus. In Molose standen wir den ganzen Tag mit unserem Fordofant am Wasserloch und erfreuten uns an den vielen Vögeln wie Sekretär, Strauss und Webervögel ..... Schon früh am Abend, bevor die Dämmerung einsetzte, hörten wir wieder die Löwen brüllen. Afrika pur von ihrer schönsten Seite!
Von der alleinigen Querung der Kalahari wird abgeraten, da die 270 km lange üble Piste mehr als einsam ist und bei einem technischen Problem muss man mitunter lange auf Hilfe warten. Wir waren hin und her gerissen ob wir die Querung wagen sollten, da weit und breit kein Begleitfahrzeug zu sehen war. Auch kannten wir unseren Fordofanten noch nicht lange, um seinen technisch einwandfreien Zustand beurteilen zu können. Auf der anderen Seite, wenn wir die Querung nicht machten, so müssten wir über 800 km um die Zentral Kalahari herum fahren auf eintönigem Asphalt, was gar nicht unserem Reisestil entspricht. Marcel entschied sich für "ab durch die Mitte" und ich war froh darüber! Schon nach einigen Kilometern kam uns dann ein Fahrzeug entgegen. Hoffnungsvoll fragten wir ob auch sie nach Norden unterwegs seien. Nein meinte der Fahrer und er würde es auch uns nicht empfehlen, die Piste sei in einem sehr schlechten Zustand und er habe Leute getroffen, die von Norden kamen und 15 Stunden unterwegs gewesen seien. Nun ja, wir hatten uns bereits entschieden zu fahren und so verabschiedeten wir uns von dem Mann. Mit einem „ good luck und safe trip“ hüllte er uns in Staub und fuhr davon. Anfangs war die Piste zwar sehr „hüpfig" und man kam kaum über 30 km/h, aber schwierig war sie nicht zu befahren. Zwei Mal passierten wir kleine Dörfer, wo wir in die Gesichter einiger verwunderter Frauen blickten. Wie kann man nur in dieser menschen-feindlichen Gegend ohne Wasser leben? Sie rannten an unser Auto und bettelten um Zucker, doch leider hatten wir keinen dabei.
Je weiter wir in der Zentral Kalahari voran kamen, umso mehr drängte sich der Busch wie ein Korridor an die Piste, so dass er links und rechts schrecklich mit den Ästen und Dornen am Auto kratzte. Eine Qual für Lack und Ohren! Doch an Umkehren war nicht zu denken. Wo denn auch? Wir fuhren über Stunden ohne Pause durch eine Buschschneise. Nachdem Marcel kurz für wenige Meter beschleunigen konnte, folgte eine Bodenwelle, die den Fordofant in die Lüfte hob um danach hart auf dem Boden aufschlagen zu lassen. Ein kurzer dumpfer Schlag, Marcel bremste ab und dann Stille. Wir stiegen aus um nachzuschauen ob alles noch in Ordnung ist. Der 40 Liter Dieselkanister hatte es vom Dach geworfen und direkt das Canopyfenster eingedrückt. Ja wo ist den das Glas von unserem Canopy (Glasfaser-Verdeck über der Pick-up Ladefläche)?
Im ersten Augenblick spürte ich, wie sich mein Magen zusammen krampfte, Übelkeit stieg in mir auf und das Gefühl der Angst schlich sich in meinen Kopf. Marcel blieb relativ cool, schaute sich die ganze Sache an und meinte dann nüchtern: O.k., dann dieseln wir halt auf. Es war heiss und 45 Liter hoch zu hieven um sie aus dem Kanister mit einem Trichter in den Tank laufen zu lassen war Knochenarbeit. Uns lief der Schweiss in Bächen herunter, die Kehle wurde trocken und uns wurde bewusst was es hiesse, hier in dieser Gegend mit einem wirklichen Problem stecken zu bleiben. Nachdem ich mich wieder beruhigt hatte und klar denken konnte, schlug ich vor die Öffnung mit Plastik zu verschliessen und so schnell als möglich weiter zu fahren um unser heutiges Ziel noch vor Dunkelheit zu erreichen. Das Glas, das glücklicherweise nich zerbrochen war, würden wir später irgendwo wieder einbauen lassen können.
In der Dämmerung, nach über 11 Stunden fahrt erreichten wir das Camp. Stellten unter einer wunderschönen Schirmakazie unser Dachzelt auf, entzündeten ein Lagerfeuer, nahmen ein Glas Rotwein am Feuer und genossen die vollkommene Idylle einer afrikanischen Nacht. Ein weiteres Abenteuer war vollbracht und hinterliess Eindrücke die wir nie mehr vergessen werden. Sich des Lebens bewusst zu werden ist ein gutes Gefühl und bereichert in jedem Fall das eigene Denken.
Zwei Lichter pfunzeln durch die noch junge Nacht. Ein kräftiger Taschenlampen-strahl fixiert hinter unserem Fordofant zwei sich gemächlich bewegende Gestalten. Ich folge mit den Augen dem Lichtkegel und erkenne in ein paar Metern Entfernung zwei Leoparden. Wie geschmeidig und lautlos diese Katzen dahin ziehen und wir hätten sie kaum bemerkt! Noch lange halten sie sich in der Nähe auf, fauchen in die Nacht und verzaubern uns in eine längst vergessene Zeit, wo die Natur noch hautnah zu spüren war. Unser Hunger nach unendlicher Landschaft, abenteurlichen Wegen und uneingeschränkter Stille ist befriedigt.
Okavangodelta
Da das Okavangodelta zum Kalahari Becken gehört, möchte Marcel als inniger Wunsch, aus der Vogelperspektive einen Überblick über dieses Naturschauspiel erhalten. Irgendwo im westlichen Bergland von Angola entspringt der Okavango. Er schwillt zu einem mächtigen Strom an und findet aber den Weg ins Meer nicht. Stattdessen mündet er in das Sandmeer der nördlichen Kalahari, um dort in unzähligen Armen, Kanälen und Tümpeln zu verdunsten.
Wie erwartet tummeln sich tausende Touristen in und um Maun, dem Eingangstor zum Moremi und Chobe Nationalpark, sowie zum Okavangodelta. Ein Ort der vom Massentourismus schon völlig abgeleckt worden ist und den wir üblicherweise meiden würden. Nun sind wir aber hier und müssen uns entscheiden, wie wir Marcels Wunsch verwirklichen können. In einem Kleinflugzeug wäre eine Variante, die ich ablehne, da man nur durch ein kleines, verkratztes Fenster blicken kann. Gefühle und Eindrücke würden im Flugzeug bleiben und nicht in unsere Köpfe eindringen. Eine, der sündhaft teuren Lodges im Delta will ich mir nicht aus Geiz, sondern aus ethischer Haltung nicht leisten. Für die dritte und letzte Variante entscheiden wir uns dann, obwohl auch diese ökologische Fragen aufwirft. Wir werden für eine Stunde mit dem Helikopter ohne Türen, mit freier Sicht über das Schwemmgebiet fliegen.
Es ist ein eindrückliches und fantastisches Erlebnis. Wir heben ab und sehen die trockene, braune und verdorrte Savanne. Einzelne kleine Rundhütten können unsere Augen nur mit Mühe erkennen. Genial wie sie mit der Umgebung verschmelzen. Nur da wo Wellblech benutzt wurde, werden wir vom reflektiertem Licht geblendet. Dann wechselt das Farbenspiel von braun zu olivgrün, dort wo das Wasser steht und mit verschiedenen Wasserpflanzen mehr oder weniger bewachsen ist. Der Wasserstand hat jetzt sein Maximum erreicht und wird bis zur Regenzeit wieder langsam sinken. Inseln aus grünen Bäumen und Sträuchern reihen sich ungeordnet in die weite Ebene. Ein Muster, von geometrischen Strichen zeichnen sich im Wasser als dunkle Striche ab. Es sind die Wege der Tiere, welche diese interessanten Zeichnungen hinterlassen. Wir erkennen aus der Luft eine Herde Impalas, welche im Sumpf stehen und genüsslich grasen, ohne sich von uns stören zu lassen. Weiter entdecken wir auf einer Landinsel Giraffen, Zebras und Warzenschweine. Es ist schon eine spezielle Perspektive die Tiere von oben zu sehen. Offensichtlich sind sie sich das auch gewöhnt, denn ausser einem einzelnen Elefanten, der gestört und nervös wirkt, scheinen die anderen Tiere entspannt weiter zu grasen, trotz des Fluglärms. Viel zu kurz war dieses Erlebnis, von dem wir lange nicht wussten, ob wir es realisieren sollten oder nicht. Doch die Zeiten, in der die Tiere von fremden Geräuschen und Einflüssen gestört wurden, sind schon lange vorbei und auch wir haben unseren Beitrag dazu geleistet!