Ägypten hautnah


Allgemein gilt Ägypten als das klassische Land der Pauschaltouristen. Sie konzentrieren sich auf bekannte Orte wie Kairo, Luxor und Assuan oder auf die Badeorte am Roten Meer. Auf den von vielen Millionen Besuchern ausgetretenen Pfaden sieht der Gast hauptsächlich das historische Ägypten. Natürlich besuchen auch wir einige der antiken Attraktionen. Vor allem haben wir Raphael die Besichtigung der Pyramiden versprochen, auf die er seit Anfang der Reise ganz gespannt wartet. Unser Interesse allerdings weckt das alltägliche Leben hier in Ägypten. 
                        
Die unendlich goldgelbe Fläche der Sahara. Und mitten durch verläuft ein breiter, intensiv grüner Gürtel von Feldern und Plantagen, die an dem in sanften Bögen dahinströmenden Nil liegen. Die Grenze zwischen dem tiefen Ocker der Sahara und dem smaragdgrün dieser Felder scheint wie mit einem Messer geschnitten: Da gibt es keine Übergangszone, keine Abstufung. Hier stehen die letzten Pflanzen einer Plantage, und dann beginnen gleich die Wellen der Wüste.
Und schliesslich die Menschen, die Einheimischen, wie gut sie zu dieser Landschaft, dieser Welt, diesem Geruch passen, wie das alles eine Einheit darstellt. Wie Mensch und Landschaft eine unzertrennliche, harmonische Gemeinschaft, eine Übereinstimmung bilden! Wie jede Rasse ihrer Landschaft, ihrem Klima angepasst ist, so formt auch diese umgekehrt deren Gesichtszüge.
Mit der Fähre kommen wir in Nuveiba, einer ägyptischen Hafenstadt, an.  Nach einem dreistündigen Marathonlauf durch alle verschiedenen Büros werden wir endlich ins Land der Pharaonen eingelassen. Wir tauchen in Dahab in das tiefblaue Meer am Golf von Akaba, um die Unterwasserwet der Korallenriffe zu beobachten. Raphael ist völlig aus dem Häuschen, als er die vielen kleinen „Nemos“ entdeckt. Wir erleben die gewaltigen Felsengebirge, die sich in den Trockentälern des Sinai gegen den Himmel türmen. Dann erreichen wir Kairo. Ein Riesenlabyrinth das überquillt von Lärm, Menschen, Autos, Dreck, in dem neben Hochhäusern das Leben in Lehmhütten wie vor tausenden von Jahren dahinplätschert. Dessen durch und durch arabischen Bazare alle Wohlgerüche des Orients verströmen und dessen chronische Verkehrsstaus zusammen mit allen anderen Luftverpestern den Himmel verdüstern.  Für uns als Selbstfahrer ist Kairo eine ganz besondere Herausforderung. Das chaotische Verkehrsverhalten raubt uns manchmal die Nerven. Grundsätzlich ist alles erlaubt auf der Strasse: Plötzliches Ausscheren, Abbiegen, Bremsen, Wenden, Stehenbleiben, in zweiter oder dritter Reihe mitten auf der Fahrbahn anhalten oder parkieren, rechts oder links überholen. 
                   
Das alles geschieht hautnah, manchmal ein bisschen zu hautnah, weil keine Chance des Vorwärtskommens ungenutzt bleiben darf und jede auch nur handtellergrosse Lücke sekundenschnell zu besetzen ist! Jede Fahrt ist ein prikelndes Erlebnis und das Vorankommen wird hauptsächlich von der Risikobereitschaft jedes Fahrers und ganz wichtig von der Lautstärke der Hupe bestimmt. So Bewegen wir uns langsam durch das emsige, ameisengleiche Gewimmel im Niltal dem Süden zu. Wir folgen dem Netz von Flüssen und Kanälen die den Ägyptern seit Generationen ihren Lebensunterhalt spendet. Wir kommen an Städten und Dörfern vorbei mit ihren Menschen, den Fellachen (arabische Bauern). Sie sind fröhliche und herzliche Menschen. Die Tage gehören vom frühen Morgen bis zur Dämmerung der Feldarbeit. Erst am Abend, wenn sie von ihrem Tun zurückkommen, kehrt wieder volles Leben im Dorf ein. Die Leute sitzen vor den Häusern und schwatzen. Die Männer schlurfen Tee oder türkischen Kaffee und rauchen Wasserpfeife im Kaffeehaus. Ich bewundere die arabischen Frauen in wunderbar fliessenden Schleiern aus feinbedruckten Stoffen. In Schichten eingehüllt wirken sie weiblich und zugleich auf eine geheimnisvolle Weise bescheiden.
Wir kommen in Luxor an. Unerbittlich kommt die Stunde des Abschieds und verkündet die Zeit der Einsamkeit. Marcel und Raphael fliegen von hier zurück in die Schweiz.  Eine letzte Umarmung, ein letzter Blick und der Schmerz bemächtigt sich meiner Verzweiflung. Schönheit und Grausamkeit, Liebe und Verzicht, Freude und Trauer durchziehen meinen Körper wie das eigene Blut!