LIBYEN

Wir folgen dem Lastwagen, auf dessen Ladebrücke vermummte Gestalten hocken. Durch schmale Sehschlitze verfolgen sie unsere Fahrt im «Mitsuchüeli» durch die Dünenlandschaft des Ubari Erg. Tief wühlen die Reifen durch die sandgefüllten Mulden und wirbeln den Staub meterhoch auf. Die Sonne liegt am westlichen Horizont und lässt das ganze Umfeld wie einen goldgelben Ozean erscheinen. Sanft fliessen die Wogen auf uns zu, vom Wind getrieben, den Wellen gleich. Wir sitzen glücklich im Auto und können erst jetzt erleichtert diese faszinierende Landschaft in uns aufnehmen und geniessen. Unsere Gedanken schweifen zurück nach Ghadames, wo alles anfing:

Besuch In Ghadames
In der Mittagshitze, während die Sonne verschwenderisch ihr Licht über die Stadt giesst, besuchen wir mit einem ortskundigen Führer die verwinkelten und überdachten Gänge der Altstadt. Ein schwaches Lüftchen weht durch die angenehm kühl gebliebenen, weiss getünchten Durchgänge zwischen den Häusern. Hierher kommen die vor einigen Jahren umgesiedelten Bewohner zurück, um der grössten Hitze des Tages zu entfliehen. Wir suchen nach den Spuren alter Karawanenwege und wollen die einst rege befahrenen Pisten benutzen. Flott rollen wir auf Zivilisationsasphalt an den Müllbergen von Neu-Ghadames vorbei zum 100 Kilometer entfernt liegenden Ort Darj. Für die bevorstehenden sechshundert Pistenkilometer zwischen der Abbruchkante Hamadat al Hamrah und dem Ubari Dünenmeer versorgen wir uns mit 120 Litern Wasser und den berechneten 150 Litern Diesel.

Hilfe mitten In der Wüste
Durch ein steiniges, flaches Tal holpern wir dem ersten Brunnen zu. Wie aus dem Nichts taucht plötzlich ein Peugeot Pick-up vor uns auf. Die geöffnete Motorhaube zeigt klar, dass dringend Hilfe benötigt wird. Als wir neben ihm anhalten, kommt der Araber bereits mit dem Überbrückungskabel daher. Schnell haben wir ihm geholfen, und er tuckert sorglos mit dem so typischen, klapprigen Wüstengefährt davon. Dabei wagen wir nicht zu denken, wie es wäre, wenn wir einmal in dieser Abgeschiedenheit auf fremde Hilfe angewiesen wären!
Trotz Pistenbeschreibung und Satellitennavigationsgerät haben wir die nächsten vier Tage oft Probleme, die richtige Piste zu finden, nervenzehrende Irrfahrten liegen hinter uns.

​Zauberreich der Wüste
Dafür begegnen wir der Vielfältigkeit der Wüste, wie aus einem Zauberreich: Magisch die Landschaft, als ob wir uns auf einem anderen Planeten befänden. Wir durchqueren riesige Steinwüsten, Ebenen, die von Horizont zu Horizont ein lückenloses Mosaik schwarzer Steine bilden. Sie sind mit einer Art Lack überzogen, reflektieren das Sonnenlicht tausendfach und lassen so die tote Wüste lebendig erscheinen. Ein grandioses Schauspiel! Zum Befahren dafür umso heimtückischer, die Trümmerflächen mit den scharfkantigen Steinen sind eine Qual für unsere Reifen. Zwischen Sandmeeren liegen vulkanische Gebirge. Der Kontrast vom leuchtend gelben Sand zu den dunklen, fast schwarzen Felsformationen könnte nicht grösser sein.
Weiter fahren wir an Salzseen vorbei, deren Oberflächen schollenhaft aufgesprungen sind und das Aussehen eines Puzzles haben. Felsige Abbruchkanten mit grünen, rosa und lila Gesteinsschichten erwecken in uns den Eindruck kunstvoll aufgestapelter farbiger Papiere.
Dann erleben wir noch jene Kategorie von Landschaft, in der die Grenzen zwischen Schein und Wirklichkeit verschwimmen, die Zeit der Fata Morgana. Von Stunde zu Stunde nimmt die Hitze zu, über den Dünen beginnt die Luft zu wallen und lässt den Horizont verschwimmen. Die Abbruchkante des Hamadat al Hamrah, die wir klar in der Ferne gesehen und zur Orientierung benutzt hatten, verwandelt sich zu breiten, linsenförmigen Gebilden, die, losgelöst vom Untergrund, über dem Boden schweben. Wir sind bei einem Steinmal und versuchen verzweifelt die richtigen Spuren aus dem Dünenlabyrinth zu finden. Einige Dünenkämme, von denen uns noch eine grosse Distanz zu trennen schien, sind nach wenigen hundert Metern Fahrt erreicht. Grössen und Weiten, die Verteilung der Dinge in Raum und Zeit entsprechen nicht mehr unseren Erfahrungswerten. Aber so sehr sich die Augen in den Horizont bohren, wir erkennen keine markante Piste. Ein quälender Zwang in uns. Da ein Weiterkommen in unserer Richtung unmöglich ist, weichen wir in einem grossen Bogen aus. Wir folgen Spuren, von denen wir vorerst nicht wissen, wohin sie uns führen. Plötzlich stehen wir am Rande eines riesigen Beckens. Mitten in dem Becken liegt ein Brunnen, eingefasst von Palmen und Tamarisken. Dazwischen eine Kamelherde und vier Hirten. Der Anblick verschlägt uns fast den Atem. Nirgendwo trifft das Wort Oase in seiner Geborgenheit und paradiesischen Idylle so zu wie hier! Wir schlagen erschöpft unser Nachtlager auf, die absolute Stille der Wüstennacht und die Tiefe des Sternenhimmels lassen die ganzen Anstrengungen und Ängste des vergangenen Tages vergessen.
Früh am Morgen machen wir uns wieder auf den Weg. Beängstigend wenig Diesel ist übrig geblieben für die rund einhundert Kilometer bis Idri. Wieder steigt Angst in uns auf, schliesslich sind wir immer noch im Dünenmeer des Ubari Erg. Nur mühsam kommen wir im Weichsand voran. Was für eine Freude, als wir plötzlich auf Menschen stossen. Es sind Inder, die uns überschwenglich begrüssen. Mit modernsten Maschinen sind sie daran, eine Ölpipeline durchs Dünenmeer zu verlegen. Dem Lastwagen nach Idri folgend, sind wir nun in Sicherheit!