Algerien 

Algerien, 1. Teil Die Botschaft-Nr. 151   ---   Samstag, 28. Dezember 2002
Reisebericht der Familie Frei aus Algerien, 1. Teil
Die Wüste in ihrer unendlichen Schönheit erlebt
ENDINGEN (yf) - Yvonne, Marcel und Raphael Frei haben im vergangenen Herbst eine einmonatige Reise durch die Wüste Algeriens unternommen. Yvonne Frei hat folgenden Bericht darüber verfasst. 
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«Ce n'est pas la route!», ruft ein junger Algerier aus, mit wild gestikulierenden Armen. Er meint, es gebe eine gute Asphaltstrasse aussen herum, die Piste hier sei viel zu gefährlich. Wir erklären ihm, dass wir den Brunnen suchen, von welchem aus wir einen Routcnbeschrieb mit GPS-Punkten (satellitengestützte Navigation) haben. Mit viel Engagement probiert er uns diese Route auszureden. Welcher Irre will schon diese Piste nehmen, wenn da eine so gute Strasse vorhanden ist! Kopfschüttelnd geht er an uns vorbei, als er merkt, dass seine Bemühungen umsonst sind.    

Durchquerung des Erg Orientale
Wir sind als Familie in Algerien, in der Wüste, in einer anderen Welt, in einem anderen Leben. Wir halten uns nicht mehr an den Tagesablauf des zivilisierten Menschen, sondern unterliegen nunmehr dem Rhythmus, den die Sonne vorgibt mit dem regelmässigen Wechselspiel von Licht und Dunkelheit. Das Leben hier ist auf das Wesentliche reduziert, einfach und nüchtern, doch voller Lehren. Als erstes Abenteuer versuchen wir den Grand Erg Orientale von Norden nach Süden zu durchqueren. Das „Mitsuchüeli“- ein Mitsubishi L 300 4x4-Bus mit Kuh-Design, beladen unter anderem mit 230 Litern Diesel und 120 Litern Wasser - zweigt kurz nach der Grenze im Geleit mit zwei anderen Fahrzeugen von der Teerstrasse ab. Eine kleine Oase mit Steinhäusern wird passiert, die Reise führt über die Pfade des Palmenhains. Da ist noch eine letzte Mauer, eine letzte Palmenhainhecke und dann ist da plätzlich gar nichts mehr, nichts als eine freie Fläche, in die wir eintauchen. Zuerst folgen wir ein paar Spuren, welche schnell im Nirgendwo versanden. Alsbald hat uns die Wüste verschluckt. In einer wilden Kurverei, zwischen kleinen bewachsenen Dünen hindurch, peilen wir den ersten GPS-Punkt an. Die ausgedörrte Erde bietet nur noch strohige, goldgelbe Grasbüschel. Alles Wasser ist verschwunden. Trotzdem ist hier Weideland für viele Ziegen und Kamele, die den Nomaden und ihren Familien gehören. Am Abend kommen die Männer ans Lager und bitten um Wasser und Brot.

Glühend heisse Strahlen
Bei Sonnenaufgang ziehen dünne Wolken über den graubraunen Boden und das noch dunkle Sandmeer am Horizont entlang. Im Osten entfaltet sich plötzlich eine erst purpurne, dann goldene Farbenpracht, die Welt verwandelt sich. Auf das Fest der Farben folgt die Gala des Lichtes. Aber diese Idylle hält nicht lange an. Schon bald versengt die Sonne die Wüstenerde und sendet ihre glühend heissen Strahlen aus, welche auf der Haut brennen wie Flammen.

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Die Fahrt geht, den GPS-Punkten folgend, immer weiter. Nur noch einzelne hohe Gräser, die wie durch ein Wunder hierher gekommen sind, zeichnen mit der Spitze ihrer vom Wind niedergedrückten Halme perfekte Kreise in den Sand. Dann folgt die plötzliche Berührung mit einem gewaltigen Meer aus Sand, Welle auf Welle, vom Wind zu immer neuen Formationen und wahren Kunstwerken geformt, bis sie sich im Unendlichen verlieren. Die Reinheit der Dünen und ihre Schönheit sind so nüchtern und klar, dass sich die Betrachter, berauscht von dieser Bildwelt, einfach staunend dastehen lassen. Es ist eine Landschaft nahezu ohne Leben, es ist totes Land, vergessenes Land, das jedoch einst regelmässig von Karawanen durchstreift wurde. Die Wüste symbolisiert gleichermassen die Schönheit, den Tod und den Kampf. Und so beginnt auch für uns alle und unsere Fahrzeuge ein Kampf ums Weiterkommen, Düne um Düne. Wieder und wieder graben sich die Räder im Sand fest. Dann gilt es zu schaufeln und Sandbleche zu legen, bis es heisst: „Go, go, go!“ Kilometerweit werden schwierige Passagen zu Fuss abmarschiert und die idealsten Dünenübergänge markiert in der Hoffnung, dass die Autos durchkommen.

Fata Morgana
Der Himmel ist so hell, dass er farblos wirkt. Die sengende Hitze der hoch stehenden Sonne senkt sich als glühender Schleier herab und steigt vom brennenden Sand wieder auf. Es findet sich kein einziger Schatten! Am Horizont flimmert die heisse Luft, und als Fata Morgana werden uns Tümpel, ja gar unmögliche Lagunen vorgegaukelt, die nur Enttäuschung bedeuten. Wir müssen weiter, weil es weitergehen muss, an ein Zurück ist nicht mehr zu denken.

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Dünenrücken fahren wir im untersetzten zweiten Gang, mit durchgedrücktem Gaspedal hinauf, um 
dann im richtigen Moment das Gas wegzunehmen, und langsam über den Kamm 
und auf der anderen Seite sanft hinunterzurutschen. Es sind Steilhänge, die wir 
in umgekehrter Richtung fahrend, nie
 hinaufkommen würden! Bei einer 
schwierigen Passage gerät das Auto in
 eine gefährliche Schräglage. Die am 
meisten gefürchtete Situation aller Saharafahrer ist eingetreten. Erschöpft und 
müde stehen alle um das Auto herum. Es 
ist 16 Uhr, und eigentlich hätte gleich das 
Nachtlager aufgeschlagen werden sollen.
 Nach der ersten Sicherung des Fahrzeugs, während wir alle über das weitere Vorgehen diskutieren und beraten, klagt
 unser knapp 4-jährige Raphael über Bauchschmerzen. Kurz danach erbricht
 er...! In solch einer Situation fragen wir uns schon, warum und wieso wir das alles auf uns nehmen. Zwei Stunden dauert 
es, bis das Auto wieder festen und geraden Boden unter den Rädern hat. Die
 Schatten werden länger, und die Hitze 
lässt nach. In einem Abschluss aus Gelb
 und Orange küsst das riesige feurige
 Auge im Westen den Horizont. Der Himmel verharrt und erblasst, die Welt wartet, der Wind frischt auf, und plötzlich,
 ohne Dämmerung, ist es Nacht. Am Limit und komplett erschöpft, erwartet
 uns ein tiefer Schlaf, der jede Nacht das 
Wunder vollbringt, dass wir in der Morgendämmerung die Strapazen des Vortags vergessen haben und uns wieder
 voller Elan aufmachen können.
 

Ein Sandsturm

Bei einem Brunnen, wo der Boden kilometerweit mit Ziegen- und Kameldung
 übersät ist, taucht ein arabisches Fort mit
 Kuppeldächern auf. Aus Stein erbaut und
 von hohen Mauern umgeben, zerfällt es 
langsam wieder unter der Sonne. Die
 Stimmen der Menschen sind verstummt.
 Schlangenspuren, reissverschlussähnliche 
Bänder am Boden, und unzählige kleine 
Zwillingslinien, die aussehen wie winzige
 Bahngleise, zeugen von Käfern und Reptilien. Sie sind die einzigen Bewohner hier.
 Es ist eine trostlose Gegend. Die leer gefegte, bis auf die Knochen abgemagerte
 zermahlene Erde ist tot.
 Die Sonne ist bereits hinter dem 
Schleier der Dunkelheit verschwunden,
 als plötzlich und ohne irgendeine Vorwarnung am Horizont Blitze zucken.
 Eine Mauer von Staub und Sand, die ein 
orkanartiger Wind vor sich her treibt,
 fegt über das Lager hinweg. Tische, 
Stühle und vieles mehr wird durch die
Luft geschleudert. Die Kinder, gerade
 noch unbeschwert miteinander spielend,
 schreien auf. Raphael bringe ich sofort im Fahrzeug in Sicherheit. Dann versuchen wir gemeinsam verzweifelt das Dachzeltes zu schliessen. Geschafft! Aber wie geht es unseren Freunden, kommen alle zurecht, wird niemand 
vermisst? Danach suchen alle Schutz in
 den Autos, welche mit den Sandblech 
bewehrten Hecks dem Sturm zuwenden. 
Windböen schütteln stundenlang, unablässig und hartnäckig daran. Wir alle  müssen unsicher die halbe Nacht lang
 den Angriff dieses wütenden Sandsturms
 über sich ergehen lassen. Am nächsten
 Morgen versuchen wir das Chaos zu ordnen. Alles ist drunter und drüber. Was 
nicht in Sicherheit gebracht wurde, ist
 von der Wüste verschluckt worden, so
 auch unsere Spuren und die Spuren, denen
 wir tags zuvor gefolgt waren. Das Dünenmeer
 liegt jungfräulich und unberührt vor 
uns. Wie vergänglich und verletzlich der Mensch hier ist, hat uns 
dieser Sturm eindrücklich vor Augen geführt. Es ist ein bitteres Gefühl, sich
 mitten in einem freien Raum in dieser 
unendlichen Weite so eingesperrt zu fühlen, denn eine Flucht ist unmöglich.


Die Wüstennacht

Der weitere Weg ist sehr beschwerlich,
 nicht etwa wegen der Schaufelei, um die 
Autos wiederholt auszugraben, oder dem
 Sandblechelegen, sondern weil nun eine
 eigene Spur zwischen den Dünen hindurch gesucht werden muss. Wieder gehe ich Kilometer um Kilometer unter dem
 Hitzeschild der Sonne voraus. Die Befreiung nach sieben Tagen ist gross, als
 von der letzten grossen Dünenkette aus,
 während der Fuss viele winzige Lawinen
 auslöst, unterhalb die harte Ebene zu sehen ist: die Ebene, endlich die Ebene! An 
diesem Abend setzen sich Heerscharen 
von Sternen langsam in Bewegung. Die
 Milchstrasse zieht als fern tanzendes Sonnenstäubchen lautlos dahin. Es ist die
 schönste aller Nächte: die Wüstennacht.

„Tage liegen hinter uns durch unaufhörlich neu entstehende, grenzenlose
 Gebiete, deren Horizonte stets vor uns 
lagen, manchmal spöttisch auf uns zuzuwandern schienen, die wir jedoch niemals erreichten. Die Landschaft ist rätselhaft, doch voll verborgener Schönheit.
 Hier weitet sich das Herz und die Seele 
erhebt sich." So beschreibt Yvonne Frei
 ihre Gefühle.

Über die Ebene ist die Asphaltstrasse
 schnell erreicht. Die Ergdurchquerung 
mit den bereiften Wüstenschiffen ist geschafft!




​Unterwegs in mondähnlicher Wüstenlandschaft 

ENDINGEN (yf) - Der zweite Teil ihrer Reise hat die Familie Frei in den Süden Algeriens geführt.



Die Umgebung ändert sich schlagartig, als wir das Plateau du Fadnoun erreichen. Wir verlassen die Sanddünen und stehen am Ufer der Steinwüste. Wieder sind wir in einer anderen Welt, im Herzen einer trostlosen Hochebene aus Sandstein, überzogen mit schwarzem Wüstenlack. Die Erde ist von der Sonne verbrannt und bedeckt mit kantigem Geröll, ein Trümmerfeld, so weit das Auge reicht. Erneut verlassen wir die Strasse für ein weiteres Erlebnis und für neue Eindrücke. Schon nach wenigen Kilometern Piste finden wir in einem Oued mit felsigem Gefälle traumhafte Gueltas, bezaubernde Schwimmbecken im kühlen Schatten mit ausnahmsweise fliessendem Wasser.
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Regen in der Wüste
Wir werden reichlich belohnt für die letzten Tage, in denen es tatsächlich mitten in der Wüste geregnet hatte. Wir alle erfreuen uns am flüchtigen Lächeln eines Landes, in dem es sonst nicht so üppig zugeht, und baden genüsslich im kühlen, sauberen Nass. Je südlicher wir kommen, desto abwechslungsreicher gestaltet sich die Landschaft. Mitten in einer weiten Ebene, die sandig und ausgedörrt vor uns liegt, gleiten wir in unserem Mitsuchüeli fast fliegend dahin. Uber dieser sengend heissen Fläche erheben sich verträumt die kunstvoll geformten Silhouetten verschiedener Felsnadeln, gegen deren Fuss das Sandmeer wogt. Es ist eine merkwürdige, in den Sandstein geschnittene Landschaft mit Kuppeln, Pfeilern, riesigen Pilzen, gewaltigen Türmen, Schlössern oder natürlichen Bögen, die dem bleichen Himmel ihre seltsamen Umrisse entgegenstrecken. Ein grauer Dunst schmückt die Berge: Sind die alten Vulkane wieder zum Leben erwacht? Eine Wand öffnet sich halb und verschlingt uns. Eine wilde Schlucht hat sich tief in das Sandsteinplateau eingegraben. Voller Entsetzen realisieren wir: Dies soll unser Weg sein! Durch einen Schwindel erregenden, steil abfallenden Canyon, einem steinigen Oued entlang, jongliert Marcel mit Hilfe von Eric das Fahrzeug. Ich gehe voraus und räume unüberwindbare Steine aus der Piste. Wir benötigen für zwei Kilometer über eine Stunde und sind zuletzt glücklich, dass abgesehen von ein paar Kratzern durch das scharfkantige Gestein nichts am Auto kaputt ging. 
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Atemberaubende Naturschönheiten 
Am Grund der Schlucht öffnen sich die senkrecht aufragenden Felswände zu einem Kreis, in dessen Mitte eine Wasserfläche ruht. In den Wadis, an denen die Route entlangführt, sind grosse Gebirgsmassive, vulkanische Bergspitzen, die aus dem hellbraunen Sand herausragen, Tamarisken und Akazien zu sehen. In deren zerzausten Ästen ist die Klage des Windes zu hören. Trunken von dieser traumhaften Welt machen wir hier Halt und schlagen unser Nachtlager auf. Die Sonne fällt wie ein Ball dem Horizont zu, und die Milchstrasse aus glitzernden Punkten schiebt sich dem Nachthimmel entgegen. Still beobachten wir das Firmament und lassen uns verzaubern von den Sternschnuppen, den leuchtenden Nähten, die kreuz und quer über das schwarze Wüstenzelt flitzen. Wir lauschen in die Stille. Diese ist so mächtig, dass sie uns zwingt, unseren Atem anzuhalten. Erschöpft und müde, berauscht von den heutigen Eindrücken, gehen wir schlafen. Im Osten wird der Himmel schon wieder hell, ein neuer Tag kündigt sich an. Also schälen wir uns aus den Schlafsäcken und schütteln die schwere Müdigkeit in der reinen, frischen Morgenluft ab. 


Unterwegs in «No man's land»
Schon nach wenigen Kilometern Fahrt bleiben die Inseln aus Sandstein, die Felsspitzen und Fantasieschlösser zurück, und bis zum Horizont weitet sich die Hawana-Ebene aus. Es ist eine anorganische Landschaft, schwarzer Lavastein, ein verödetes Gebiet der Erdoberfläche, «No man's land» im wahrsten Sinne des Wortes, eher eine Mondlandschaft als ein Ort auf Erden und genauso unmöglich zu befahren. Die Holperei durch diese steinigen Trümmerhaufen unter der Sonne der Steinwüste ist eine Qual. Am'Pistenrand steht ein Autoskelett. Wie viele seltsame, grausame, unbekannte Tragödien haben sich hier schon abgespielt? «Unsere Abhängigkeit von den Fahrzeugen lähmt unsere Sinne»,. «Stunde um Stunde vergeht und immer liegt nur ein schwarzer steiniger Horizont vor uns, eine armselige tote Ebene, Tropfen des Mondes. Und dann kaum zu glauben: Gazellen springen mit ihren typisch grazilen Sprüngen vor uns davon. Beim Zurückschauen sind ihre Schwänze in dauernder Bewegung. Ihr Fell ist braun und weiss, auf ihrer Stirn trennt ein breiter schwarzer Strich ihre Hörner. Wovon leben diese wunderschönen Tiere hier?» 
Doch nur eine Sekunde so abgelenkt vom Hier und Jetzt, und schon schlägt das Fahrzeug unsanft gegen eine Steinkante. Sofort steigt Marcel aus und prüft mit geübtem Blick die wichtigsten Stellen: Ölwanne, Verteilergetriebe, Tank, Differenzial: Alles ist in Ordnung, keine Flüssigkeit läuft aus! Doch bei der Weiterfahrt ist ein metallisch schleifendes Geräusch ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Schlag nicht spurlos am zuverlässigen Gefährt vorbeigegangen ist. Mit Hammer und Zange lässt sich der Schutz am Frontantrieb-Kardangelenk später wieder zurechtbiegen, und das Schleifgeräusch verschwindet. «Wir erleben eine Lektion in Demut» «Unsere Vergänglichkeit ist hautnah spürbar. Wir nehmen nunmehr unseren Platz ein im Kampf gegen eine unmenschliche Natur. Die Landschaft zeichnet sich mit der brutalen Klarheit einer Kulisse ab, ein nacktes Skelett vor dem farblosen Himmel.» 
Die Heimkehr steht bevor. Die Berge, das Reg, die steinigen Ebenen, die Dünen, die unendlichen Weiten, die von Sonne durchfluteten Landschaften werden zurückgelassen. In Gedanken sind wir schon wieder auf einer neuen Reise: «Das Aufbrechen ohne jemals anzukommen spiegelt in einem Masse unser Leben zu uns selbst wieder.»    yf/mf