Wir sitzen im Flieger auf dem Weg nach Osh. Unter uns ziehen die Weiten Zentral Asiens vorbei. Ich habe die Wüsten gequert, die Städte erlebt, die Gebirge gesehen. Ich habe die Menschen kennen und schätzen gelernt. Wie an einen wunderbaren Traum, erinnere ich mich an diese vergangene Zeit voller Zuversicht, Freude, Ängste, Bedenken und Einfachheit. Meine Gedanken schweifen ab zu unseren Anfängen in Osh, der zweitgrössten Stadt in Kyrgysistan.

 

Die Reise, der Flug war im Jahr 2016 sein eigenes Abenteuer. Unsere Sitzplätze waren meist von den Kyrgiesen besetzt, wenn wir gegen Ende zustiegen. Bei der Aufforderung die Sitze für uns freizugeben, hörten wir ein bestimmtes und in den Augen der Besetzter gerechtfertigtes "Niet". Sie waren schliesslich vor uns da. Viele Diskussionen folgten mit den leicht erhitzten Gemütern. 

Bei der Landung auf der unebenen Piste, toste ein enthusiastischer Applaus durch den Flieger. Und heute: Unsere Sitzplätze bleiben frei. Bei der Landung herrscht Stille. Der Flughafen zeigt sich heute in einem neuen Kleid der Moderne. Nur die Ungeduld, ja gar Rastlosigkeit der zentralasiatischen Menschen beim Aussteigen, bei der Immigration ist geblieben. Es wird nach wie vor rüpelhaft gestossen und gedrängelt. Körperkontakt ist dabei kein Hindernis. Auch Geschlechter spezifisch gibt es da keine Hemmschwelle. 

Wir werden herzlichst von unseren Freunden und Arbeitskollegen Nursultan, Danyiar und Asamat mit einer Umarmung empfangen.

Die Fahrt durch Osh reizt unsere Augen heute nicht mehr. 

Die altrussischen Plattenbauten der Wohnhäuser mussten in den Hintergrund treten. Neue hohe Wohnblocks haben sich vorgedrängt und prägen mehr und mehr das Stadtbild. Viele kleine Kioske, die eng aneinanderklebten, wo es unendlich viel zu kaufen gab, von zuckerhaltigen Schleckereien, zu Obst, Milch, Zigaretten und vielen anderen wichtigen und unwichtigen Sachen, sind verschwunden. An ihrer Stelle haben zwei Shopping-Center ihre Türen geöffnet. Die überirdisch geführten Wasserrohre, die wie Blutadern den Körper der Stadt versorgen gibt es noch, fallen uns aber nicht mehr auf. Sie gehören zu Osh wie sein historischer Bazar. Doch wo ist dieser? 

Wir laufen von unserem altbewährten Hostel zum Spital. Die frische, kühle Morgenluft, die Sonne im Gesicht, beseelt unsere Körper. Die Schwere der Müdigkeit der schlaflosen Nacht, weicht einem beschwingten Gefühl des nach Hause Kommens und des Glücks. Am altbekannten Luna Park vorbei erreichen wir den Osh Bazar. Doch anstelle des Chaos, der unendlichen Verkaufsstände, der fragwürdigen Essbuden, den wartenden, hupenden und abfahrenden "Marschrutkas" (Minibusse) gähnt uns eine Lehre entgegen. Keine Menschen, kein Spektakel, kein Durcheinander, keine Unordnung, keine Stimmen, kein Leben... nur kalter, gesichtsloser Asphalt mit einem verwaisten Bulldozer darauf stehend. Dieser hat ganze Arbeit geleistet. Nun stehen wir vor einem grossen Parkplatz. Aber für wen, wenn es keine Menschen vom Bazar mehr gibt? 

Wir laufen an der neuen Strassenüberführung vorbei. Ankommend beim Spital, dasselbe Bild: die BretterbudenShops, die die Versorgung der Kranken gewährleisteten, sind gleichsam entschwunden. Die Besucher strömen trotz der Veränderung herbei. Der Charakter Oshs, die Stadt, die durch den Ak Bure Fluss geteilt wird, die am Rande des Alai Gebirges liegt und als Zentrum der historischen Seidenstrasse gilt, ist aus meiner Sicht schmerzlichst gestorben. 

Eine Baustelle am Spital, lässt uns leise hoffen, dass auch hier der Fortschritt Einzug gehalten hat. Die Fassade wird gerade mit neuen Platten bedeckt. Auch sehen wir neue Fenster, die angebracht sind. 

Wir betreten das überfüllte Wartezimmer. "Strasvitsches" und anerkennendes Kopfnicken der Eltern unserer Patienten begrüssen uns. 

Das Team wartet bereits erwartungsvoll auf uns im Behandlungszimmer. Zu den drei Kieferorthopäden und Chirurgen gesellen sich Aida die Logopädin und Samara die Gehilfin.. Alle sind bereit und motiviert uns ihre Resultate und Arbeiten zu zeigen. 

Eine mobile Motoren- und Kompressoren Einheit an der Wand stehend, weist uns still und beschämt auf den defekten Behandlungsstuhl hin. Sonst präsentiert sich die Klinik ganz in Weiss gehalten, gereinigt und aufgeräumt wie noch nie. In all den Jahren kämpften wir immer wieder mit der Praxishygiene. Wir sind begeistert und bringen dies mit Worten voller Lob zum Ausdruck.